Popkultur und Arbeitswelt


Popkultur erscheint heute als ein Reich der unerschöpflichen Möglichkeiten. Eine Vielzahl von Stilen und Formaten in Musik, Mode und Unterhaltung können im Fernsehen, im Radio, in der eigenen Wohnung, in Kneipen, Discotheken und Konzertsälen täglich, besonders jedoch am Wochenende beobachtet, erlebt und ausgelebt werden. Daß man an diesen Vergnügungen nur dann in vollem Umfang teilnehmen kann, wenn man sich zuvor das dafür nötige Kleingeld selbst erarbeitet hat oder es von den Eltern in mehr oder weniger mühevoller Arbeit verdient wurde, dürfte allen klar sein.

Jedoch daran erinnert zu werden, unter welchen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen das Geld für intensiven Spaß an den Produkten und Veranstaltungen der Popkultur verdient werden muß, wird zumeist als lästige Spaßverderberei betrachtet. Darauf hat sich, wie der Vortrag im historischen Durchgang zeigen wird, die Popmusik zwischen Rock `n' Roll und Techno eingestellt. Entsprechend findet eine unmittelbare Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt in den Texten der Popmusik nur als Ausnahme statt.

In dieser Situation ist es wenig sinnvoll, diese Ausnahmen einer genaueren Betrachtung zu unterziehen. Wichtiger scheint es, den indirekten Bezug der Popmusik auf die Arbeitswelt, die untergründige Einstellung der Popmusik zur Arbeitswelt, die sich gerade im konsequenten Ignorieren der Sphäre der Lohnarbeit bekundet, intensiver zu betrachten.

Die Suche nach dem Widerständigen in der Popmusik hat sich also nicht so sehr mit Textanalyse zu beschäftigen, als vielmehr Stile und Subkulturen unter dem Gesichtspunkt anzuschauen, inwieweit dort im Rahmen eines Lebensstils, eines Habitus historisch sich wandelnde gesellschaftliche Übereinkünfte - zumindest für einen bestimmten Zeitraum und in bestimmten Gruppen - radikal in Frage gestellt werden bzw. wurden. Wenn Musik dazu beiträgt, daß man es in der konventionellen Arbeitswelt nicht mehr aushält, hat sie viel geleistet. Von ihr die Anleitung zur Revolution zu erwarten, beweist mangelnden Sinn für die Bedingungen wirkungsvoller politischer Aufklärung und Agitation.


ReferentIn: Ralf Hinz


aus: Bochum


Vita: Ralf Hinz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Phantasie an die Macht - Literatur und Popkultur um 1968" an der Ruhr-Universität Bochum


Literatur: Ralf Hinz · »Cultural Studies und Pop. Zur Kritik der Urteilskraft wissenschaftlicher und journalistischer Rede über populäre Kultur«, Opladen, Wiesbaden 1998


Zeit und Ort: Mittwoch, 28.06.00, 20.00Uhr Kramladen


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